Einlauf (Medizin)

Als Einlauf (Klistier, Klysma, Analspülung, Darmspülung) wird das Einleiten einer Flüssigkeit über den Anus in den Darm bezeichnet. Anwendung finden Einläufe gegen Verstopfung und zur Darmreinigung.



Wortherkunft

Die Wörter Klistier, engl. clyster, franz. clistère und ital. clistere lassen sich von den griechischen Wörtern κλυστήρ klystér ‚der Spüler‘ und κλυστήριον klystérion ‚Reinigung‘ ableiten. Als Synonym verwendeten die Griechen den Begriff ἔνεμα énema, von ἐνίημι eníēmi ‚einspritzen‘, der Eingang in die englische Sprache gefunden hat und heute häufiger benutzt wird als „clyster“. Als Klistier wird neben der Behandlung auch das dafür verwendete Instrument bezeichnet.



Anwendung

Abhängig von der Anforderung an die Darmentleerung kommen in der Medizin unterschiedliche Arten von Einläufen zum Einsatz. Die häufigste Form ist das einfache Klistier, das bei akuter Verstopfung oder vor diagnostischen Eingriffen im Enddarmbereich eine schnelle Defäkation zur Folge hat. Orthograde Darmspülungen oder Reinigungseinläufe dienen vor Darmspiegelungen oder Operationen im Bauchraum zur Darmreinigung. Irrigationen oder hohe Einläufe, Heber- oder Schwenk-Einläufe und rektale Darmspülungen sind Varianten.



In der Alternativmedizin gehören Darmspülungen zu den ausleitenden Verfahren (siehe auch Subaquales Darmbad). Sie werden zum Beispiel begleitend zum Fasten angewendet.



Eine Sonderform des Einlaufes, nämlich die Irrigation, wird bei Enterostoma und Stuhlinkontinenz eingesetzt. Diese Technik ist mit der rektalen Darmspülung vergleichbar. Weitere Anwendungen sind der Lactulose-Einlauf bei dekompensierter Leberzirrhose, der Resonium-Einlauf bei Hyperkaliämie, und Medikamenten-Klistiere z. B. bei entzündlicher Colitis ulcerosa. Rektale Instillation von Kochsalzlösung ist eine therapeutische Maßnahme bei der Intussuszeption (Invagination) in der Kinderheilkunde.{{AWMF|http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/006-027.html|Invagination|AWMF Registernummer 006 - 027}} Die Flüssigkeitsmengen variieren von 120 bis 2000 ml (bei Kindern entsprechend weniger). Mikroklistiere enthalten nur ca. 5 ml; sie dienen zur Verabreichung von Medikamenten bei Kindern.



Klistiere und Einläufe können auch eine Methode des Alkoholkonsums sein. Manchmal werden Klistiere und Einläufe auch für sexuelle Praktiken der Klinikerotik, Klysmaphilie, zur Vorbereitung auf Analverkehr und als „Körperstrafe“ im Rahmen von BDSM verwendet.



Geräte

Je nach Art des Einlaufs kommen unterschiedliche Geräte zum Einsatz. Medizinische Einmalklistiere haben 100 bis 200 ml Inhalt, Mikroklistiere (s. o.) 5–10 ml.



Sollen dagegen größere Mengen an Spülflüssigkeit verabreicht werden, so wird eine Klistierspritze oder ein Irrigator verwendet. Bei Personen ohne Schließmuskelschwäche werden einfache, flexible Darmrohre benutzt, für Patienten mit Schließmuskelschwäche (Stuhlinkontinenz) gibt es solche mit einem abdichtenden Ballon (Ballondarmrohre).

Zur Selbstanwendung gibt es handbetriebene Klistierpumpen, die Flüssigkeit aus einem Behälter (etwa aus dem Waschbecken) ansaugen. Irrigator-Einlaufsysteme sind Behälter oder Faltbeutel, die erhöht aufgehängt werden.



Sogenannte Birnspritzen aus Kautschuk-Gummi pressen durch Zusammendrücken des Druckballs etwa 200–400 ml Wasser in den Darm, je nachdem welches Gerät verwendet wird.





Bild:Irrigator-1.jpg|Irrigator-Set

Bild:MPIIntimshower.JPG|Klysopumpe mit separatem Flüssigkeitsbehälter

Bild:Klistierspritze.jpg|Birnspritze 200 ml





Geschichte

Trichter- oder Einlaufklistiere zählen zu den ältesten Darmeinlauf-Methoden. Der Einlauf erfolgt aus einem Behälter (Irrigator), der erhöht gehalten oder aufgehängt wird. Im Altertum wurden Einläufe vielfach mittels Flaschenkürbissen oder geschnitzten Holzgefäßen durchgeführt. Diese Methode wird bis heute von Naturvölkern angewendet.



In der babylonischen,Martha Haussperger: Gab es vor Hippokrates bereits eine empirische Medizin in Vorderasien? In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 17, 1998, S. 113–128; hier S. 124. indischen und altägyptischen MedizinCharles John Samuel Thompson: The dawn of medicine. A chapter in the history of pharmacy from the earliest times to the tenth century. In: Janus 28, 1924, S. 425–450; hier S. 419 f. und 438. war der Gebrauch von Klistieren zur Durchführung von Darmentleerungen gebräuchlich. Man glaubte, dass Stuhlansammlungen zum Schutz und zur Förderung der Gesundheit regelmäßig aus dem Körper herausbefördert werden müssen. Es soll sogar Spezialärzte für Klistieranwendungen gegeben haben. Im Papyrus Chester Beatty VI werden verschiedene Rezepte genannt, die durch einen Einlauf zur Anwendung kamen.



Druckklistier aus einer Tierblase (afrikanische Holzplastik, 19.&nbsp;Jahrhundert)<br />Transportabler Selbstklistier-Apparat nach Giovanni Alessandro Brambilla (18. Jahrhundert; Medizinhistorisches Museum der UniversitÀt ZÌrich)<br />Klistierspritze (18. Jahrhundert; Medizinhistorisches Museum der UniversitÀt ZÌrich)<br />

Auch in der griechischen Medizin galt das Klistier als therapeutisch bedeutsames Instrument. Nach der Vorstellung des Hippokrates von Kos (460–377 v. Chr.) beruhte die Gesundheit auf dem Gleichgewicht der Körpersäfte. Verstopfung bedeute, dass sich die Körpersäfte nicht im Gleichgewicht befinden. Darmklistiere gelangten vor allem bei Verstopfung und Magen-Darm-Erkrankungen zur Anwendung und sollten den Darm von verdorbenen, krankmachenden und überschüssigen Säften reinigen. Auch in den Schriften von GalenosLeon Elaut: Le traité Galénique des clystères et de la colique, traduit en Latin par François de Revelenghien. In: Janus 51, 1964, S. 136–151. findet sich die Klistier-Anwendung.



Im indischen Ayurveda und im Yoga hat der Einlauf Bedeutung sowohl für die körperliche als auch für die mentale Gesundheit. Der hier Basti genannte Einlauf wird durch Einsaugen von Wasser mittels Muskelkontraktionen des Beckenbodens und des Anus vollzogen, oder man verwendet Druckklistiere, die ehemals aus Harnblasen von Tieren hergestellt wurden.



Ein weiteres altes Klistiergerät ist das Druckklistier. Es besteht aus einem komprimierbaren Behälter, an den eine Rektalkanüle angesetzt wird. Indianer aus dem Amazonasgebiet fertigten als erste Gummibälle aus Kautschuk und setzten diese zum Klistieren ein. Im Mittelalter verwendete man zur Herstellung von Druckklistieren meistens Tierblasen (HarnblasenAlfred Martin: Darstellung eines Klistiers in Knieellenbogenlage. In: Sudhoffs Archiv 11, 1919, S. 330 f.), Leder oder Pergament, die zu einem Sack zusammengenäht wurden. An den Behälter wurde ein Ansatzrohr gebunden, das in der Regel aus Edelmetall, Horn oder Knochen bestand und am Ende oder seitlich eine oder mehrere Ausflussöffnungen hatte. Durch Druck auf den Behälter konnten Flüssigkeiten von Hand in den Mastdarm oder andere Körperhöhlungen gepresst werden.



Mechanische Klistierspritzen aus Metall mit Gewinde, Kolben, Stempel und Kanüle gibt es seit dem 15. Jahrhundert. Zu Zeiten Molières und des Sonnenkönigs war die Gabe eines Klistiers eine Selbstverständlichkeit und wurde als Allheilmittel von Leibärzten verordnet.



Seit dem 17. Jahrhundert gibt es bereits Geräte zum Selbstklistieren, die ebenfalls auf dem Kolbenprinzip beruhen. Die Entwicklung entsprang dem Wunsch vieler Patienten, ihren Intimbereich nicht vor einem Fremden entblößen zu müssen.



Eine Sonderform war das Tabakklistier, das seit dem 17. Jahrhundert, etwa von Thomas Sydenham empfohlen, bei Koliken, Darmverschlingungen, Eingeweidewürmern und Darmbrüchen zum Einsatz kam.Sabine Fellner, Georg Thiel: Nicotiana. Europäische Rauchkultur – European Smoking Culture. Verlag Sonderzahl, Wien 2009, S. 56. Auch zur Wiederbelebung von „Scheintoten“ wurde das Tabakklistier vor allem in Holland im 18. Jahrhundert angewendet.Axel W. Bauer: Therapeutik, Therapiemethoden. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1388–1393; hier: S. 1389. Im Wiener Josephinum ist heute noch ein Tabakklistier aus dem Jahr 1769 erhalten.Johann Werfring: Heilsamer Tabakqualm als Hilfe für Ertrinkende. In: „Wiener Zeitung“ vom 24. November 2011, Beilage „ProgrammPunkte“, S. 7. Bei der rektalen Anwendung des Tabakklistiers war starker, schwarzer Tabak vonnöten, der dem Patienten eine Stunde lang ununterbrochen eingeblasen wurde. Verabreicht wurde es dem Patienten entweder stehend, auf einem Geburtsstuhl sitzend oder auf der Seite liegend.Manuel Frey: Der reinliche Bürger. Entstehung und Verbreitung bürgerlicher Tugenden in Deutschland, 1760–1860 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 119). Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1997, S. 68. Bei der „Wiederbelebung“ wurde der Rauch oral eingeblasen. Erzeugt wurde der Rauch in einem Kessel, in dem sich glühende Kohlen und Tabak befanden. Vermittels eines Blasebalgs wurde der Rauch durch einen Schlauch sowie die Öffnungen des Endstücks in die entsprechende Körperregion geleitet.



Einzelnachweise

[[References]]


Literatur

    * A. von Degenhard: Das Klistier. Flensburg 1985.

    * Julius Friedenwald, Samuel Morrison: The history of the enema with some notes on related procedure. In: Bulletin of the History of Medicine 8, 1940, S. 68–114 und 239–276.

    * Huldrych Koelbing: Die ärztliche Therapie. Grundzüge ihrer Geschichte. Darmstadt 1985.

    * Karl-Heinz Leven: Antike Medizin. Lexikon. München 2005.

    * W. Liebermann: Enema: Some historical notes. In: Review of Gastroenterology 13, 1946, S. 215–229.

    * Karl Sudhoff: Eine Bronzespritze aus dem Altertum. In: Sudhoffs Archiv 1, 1908, S. 75–78.

    * M. Widmann, C. Mörgeli: Bader und Wundarzt. Medizinisches Handwerk in vergangenen Tagen. Medizinhistorisches Institut und Museum der Universität Zürich, 1998.

    * F. v. Zglinicki: Kallipygos und Äskulap. Das Klistier in der Geschichte der Medizin, Kunst und Literatur. Baden-Baden 1972.



Weblinks

    * {{Commonscat|Enemas|Einläufe}}

    * [http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wzkunstgriff/museum/412903_Heilsamer-Tabakqualm-als-Hilfe-fuer-Ertrinkende.htmlHeilsamer Tabakqualm als Hilfe für Ertrinkende] Artikel von Johann Werfring, in: „Wiener Zeitung“ vom 24. November 2011, Beilage „ProgrammPunkte“, S. 7.



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